Schweizerische Geschichte
Abgrenzung der Schweizerischen Geschichte
Die Schweizerische Geschichte ist in die Geschichte Europas
eingebettet, weist aber doch einige Besonderheiten auf. Zwar kann die
Schweiz als geografische Grösse mit den Begriffen zentrales Alpenland
vom Genfersee bis zum Bodensee und vom Rheinknie bei Basel bis zum
Rand der norditalienischen Poebene recht einfach beschrieben werden,
die Schweizerische Geschichte ist dagegen schwieriger zu fassen:
Zunächst einmal gibt es in der Schweiz kein einheitliches
"Staatsvolk", dessen Geschichte man einfach zurück verfolgen
könnte, weiter umfasste die Schweizerische Eidgenossenschaft,
als sie 1291 gegründet wurde und mehrere Jahrhunderte darüber hinaus
nur einen Bruchteil des heutigen Staatsgebietes und schliesslich
war den Mitgliedsstaaten (heute: Kantone) dieser Schweizerischen
Eidgenossenschaft meist und ansatzweise bis heute ihre Eigenständigkeit
weitaus wichtiger als die gemeinsame Sache.
Einig war und sind sich die Schweizer vor allem dann, wenn es darum geht,
sich gegen die noch ferneren Verwandten abzugrenzen - die Nachbarvölker,
deren Sprachen und Kulturen sie im Grundsatz teilen und von denen sich
die drei grossen Sprachregionen der Schweiz - Deutschschweiz, Romandie
(französischsprachige Westschweiz) und das italienischsprachige Tessin -
eigentlich viel weniger unterscheiden als voneinander. Besonders
ausgeprägt ist dieses Abgrenzungsbedürfnis bei den Deutschschweizern
und so finden sich - obwohl die Deutschschweizer zwischen der
gesprochenen Mundart (dem Schweizerdeutsch, das - man ahnt es schon -
auch wieder in regionalen Varianten vorkommt - und der Schriftsprache
streng unterscheiden - selbst im schriftlichen Ausdruck sehr viele kleine
Eigenheiten, die im Duden als "schweizerisch für" vermerkt
sind. Dazu gehört nicht zuletzt unser Stichwort
schweizerische Geschichte, denn die Schweizer
selbst suchen viel eher nach Schweizer Geschichte oder auch
Schweizergeschichte.
Diese Webseite beschreibt deshalb die Schweizerische Geschichte
notgedrungen zuerst unter dem Aspekt der Geschichte eines (zumindest
heute) klar definierten Gebietes.
Dies drängt sich umso mehr auf, als viele Schlüsselereignisse der
Schweizerischen Geschichte nicht unwesentlich durch die geografischen
Eigenheiten des Gebietes mitbestimmt wurden.
Epochen der Schweizerischen Geschichte
Frühe Schweizerische Geschichte
- Das heutige schweizerische Hoheitsgebiet war während der
Eiszeiten
von Gletschern bedeckt und damit - im Gegensatz zu anderen Teilen
Europas - nicht bewohnbar.
- Nach dem Rückzug der Gletscher fanden die
Pfahlbauer
an den vielen Seen des schweizerischen Mittellandes ideale
Verhältnisse für ihre Seeufersiedlungen vor.
- Die keltischen
Helvetier,
sind also nicht die ersten Bewohner der Schweiz, aber dank der
(nicht immer schmeichelhaften) Beschreibungen durch die
Römer
doch die ersten, von denen wir mehr wissen, als die archäologischen
Funde erzählen können.
- Im Zuge der
Völkerwanderung
siedelten germanische Stämme in der Schweiz: Die Burgunder
im Südwesten, die Alamannen im Norden und die Langobarden im Südosten.
Während die Burgunder und Langobarden Sprache und Kultur der
ansässigen galloromanischen bzw. römischen Bevölkerung übernahmen,
hielten die Alamannen an ihren Traditionen fest. Dadurch entstanden
die grundlegenden Sprachgrenzen innerhalb der Schweiz.
- Im Mittelalter
war die Schweiz zunächst Teil der grossen Frankenreiche, dann des
Deutschen Reiches.
Geschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft
- Der Weg zur staatlichen Eigenständigkeit der Schweiz begann 1291
mit dem Bund der Urschweizer (Uri, Schwyz und Unterwalden),
der allerdings nicht eine Unabhängigkeitserklärung darstellt,
sondern vielmehr einen gegenseitigen Beistandspakt in unsicheren
Zeiten. Es ging in erster Linie um Rechtssicherheit nach der Ermordung
des Königs Rudolf von Habsburg durch dessen eigenen Neffen und in
zweiter Linie um die Wahrung alter, von Kaiser Friedrich II. dem
Staufer verliehener Autonomierechte gegenüber den regionalen Grafen
von Habsburg.
Aus schweizerischer Sicht sind die Habsburger ein
einheimisches Grafengeschlecht, ihr Stammsitz Habsburg liegt
bei Brugg, Kanton Aargau, d.h. in der heutigen Schweiz. Mit dem
Kernland ihrer späteren Hausmacht, Österreich und der
Steiermark hatte König Rudolf von Habsburg seine Söhne ebem
erst belehnt (1282). Die Schlachten der Urschweizer richteten sich
also nicht gegen die Österreicher als Volk, sondern gegen die
eigentlich schweizerischen Habsburger, die nun ihre Heere in
Österreich rekrutierten.
- In zwei Phasen (1332-1352: achtörtige Eidgenossenschaft und
1481-1513: dreizehnörtige Eidgenossenschaft) wurden die wichtigsten
Städte der Deutschschweiz in den Bund der
Alten Eidgenossenschaft
aufgenommen. Die Eidgenossen besiegten die Habsburger und Herzog
Karl den Kühnen von Burgund und eigneten sich das schweizerische
Mittelland bei günstiger Gelegenheit an: Aussterben der Grafen von
Toggenburg, Reichsacht über die Habsburger 1415 (Eroberung
des Aargaus), Kirchenbann 1460 (Erobergung des Thurgaus).
- Die Versuche von König Maximilian I. von Habsburg, die
Zügel im Reich zu straffen (Reichstag von Worms 1495), wurden von
der schweizerischen Eidgenossenschaft energisch zurück gewiesen.
Der König versuchte, sich militärisch durchzusetzen und scheiterte
damit 1499 im so genannten Schwabenkrieg. Die Schweiz wurde
damit faktisch unabhängig vom Deutschen Reich.
- Die Reformation
(1523 Zwingli in Zürich - 1536 Calvin in Genf) brachte eine schwere
innere Zerreissprobe für die schweizerische Eidgenossenschaft.
Mehrere Bürgerkriege zwischen den grossen Städten des
schweizerischen Mittellandes und den konservativen ländlichen Gebieten
der Zentralschweiz (mit Luzern) verhinderten ein organisches
Zusammenwachsen der Schweiz und förderten das kleinräumige Denken.
- Die Entfremdung vom Reich liess sich auch in den folgenden
Jahrhunderten nicht mehr kitten. So beantragte der Bürgermeister von
Basel, Wettstein, im Namen der schweizerischen Delegation auf der
europäischen Friedenkonferenz nach dem Dreissigjährigen Krieg die
formelle Anerkennung der schweizerischen Unabhängigkeit. Diese wurde
im Westfälischen Frieden von 1648 festgeschrieben.
-
Neuere Schweizerische Geschichte
- Im Grunde hatten die Alten Eidgenossen für sich selbst
Die Aufklärung
mit ihrer Kritik am Absolutismus ("Ancien Régime")
ist zwar keine schweizerische Erfindung, sie hat aber in der
Schweiz
auf politischer Ebene schon früh Früchte getragen.
Die berechtigten Forderungen der Untertanen in den ländlichen
Gebieten
der grossen Kantone (ZH, BE, LU, VD, BL, SG) und in den
"Gemeinen Herrschaften" [von den alten Eidgenossen gemeinsam verwalteten
Untertanengebieten (AG, TG, TI u.a.)] stiessen allerdings bei den
"Gnädigen Herren" auf verstocktes Abblocken.
Die wachsende Ungeduld entlud sich zunächst in Frankreich
Französische Revolution
und führte zuerst zu Anarchie (Gesetzeslosigkeit), Chaos und Tod.
Doch auch diese Erfahrung konnte die Herren in der Schweiz nicht zu
Reformen
bewegen. So kam es 1798 auch in der Schweiz zur Revolution:
Schweizer Revolutionäre stürzten mit französischer Hilfe die
alte Ordnung
und errichteten die zentralistische
Helvetische Republik.
Das Experiment scheiterte an unrealistischen Erwartungen der Revolutionäre
und der befreiten Landbevölkerung. Immerhin wurde mit der Förderung der
Volksschule (Pestalozzi!) die Grundlage dafür gelegt, dass die Schweiz
eine Generation später für die Demokratie bereit war.
- Spätestens 1802 war klar, dass die zentralistische Republik bei der Bevölkerung
keinen Rückhalt finden würde. Der französische
Kaiser Napolon diktierte der Schweiz 1803 unter dem Titel
Mediation
[Vermittlung] eine föderalistische Verfassung,
in der die Kantone AG, SG, TG, TI, VD und GR zu gleichberechtigten Mitgliedern
der Eidgenossenschaft wurden. GE, VS und JU wurden von Frankreich annektiert
[ins eigene Staatsgebiet eingegliedert]. Nach dem Sturz Napoleons kehrte man 1815
zunächst weitgehend zur alten Ordnung zurück (Herrschaft der
"Gnädigen Herren"), allerdings blieben die neuen Kantone von 1803
selbstständig und GE, NE, VS kamen als gleichberechtigte Kantone zur Schweiz dazu.
- Die neuen Ideen setzten sich allerdings schrittweise doch noch durch.
Ab 1830 wurden in vielen Kantonen die Kantonsverfassungen revidiert [angepasst]
und wieder mehr Volksrechte eingeführt (Regeneration [Erneuerung]).
In der Zentralschweiz, besonders in Luzern, gab es auch liberale Kräfte, doch
die Konservativen behielten die Oberhand. Einflussreiche konservativen Katholiken
schlossen den sogenannten "Sonderbund" gegen die liberal regierten
Kantone und suchten in Österreich einen Verbündeten. Damit stiessen sie
nicht nur die liberal regierten Kantone sondern auch ihre konservativen
Gesinnungsgenossen in den reformierten Kantonen vor den Kopf.
Ihre sture Haltung provozierte den "Sonderbundskrieg", der schon
nach kurzer Zeit mit einer totalen Niederlage endete.
- Nun war der Weg frei für den
modernen Bundesstaat.
Die in den wesentlichen Bestimmungen auch nach vielen Ergänzungen und
zwei Totalrevisionen (1874 und 1999) nach wie vor gültige
Schweizerische Bundesverfassung
von 1848 brachte ein nationales Parlament und eine Landesregierung.
Im
Kulturkampf
zwischen Liberalen und Konservativen wurden die Elemente der
Direkten Demokratie.
entwickelt: In der ersten Totalrevision der Bundesverfassung
von 1874 wurde das Gesetzes-Referendum eingeführt und 1891
die Volksinitiative.
- Das bewegte 19. Jahrhundert war aber auch durch die
Industrialisierung
und die stürmische
Entwicklung der Verkehrsmittel
und der
modernen technischen Kommunikationsmittel
geprägt.
Tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Umwälzungen erschütterten
die europäischen Völker. Die dadurch entstandene
Verunsicherung breitester Bevökerungskreise begünstigte in ganz Europa
das Aufkommen eines neu aufflammenden
Antisemitismus.
- Das 20. Jahrhundert begann hoffnungsvoll, aber schon bald zerstörte
der Erste
Weltkrieg (1914-1918) die Hoffnungen auf eine friedliche Entwicklung.
Die Entbehrungen des Krieges, die besonders die Arbeiterschaft hart trafen
führten in Russland (russische Revolution 1917), in Deutschland und
Österreich zu politischen Umwälzungen.
In der Schweiz forderten die Arbeiter im Generalstreik 1918
soziale Verbesserungen - der Generalstreik wurde zwar von der Armee
niedergeschlagen, die Forderungen wurden aber in den folgenden Jahrzehnten
doch erfüllt - was zeigt, dass sie nicht völlig unrealistisch waren.
Wichtige Daten der neueren Schweizergeschichte
| 1798 |
Helvetische Revolution und Helvetische Republik (Zentralistischer
Einheitsstaat) |
| 1803 |
Mediationsverfassung |
| 1815 |
Restauration |
| 1830 |
Regeneration |
| 1847 |
Sonderbundskrieg |
| 1848 |
Bundesverfassung |
| 1874 |
Totalrevision der Bundesverfassung: Referendum |
| 1891 |
Einführung der Volksinitiative |
Jüngste Schweizergeschichte
Die Zeit der Weltkriege
Die Schweiz als Friedensinsel
- Die Weltwirtschaftskrise (1929-1932) begünstigte in Deutschland
die Machtergreifung der
Nationalsozialisten.
Diese nationalistische Bewegung ist hauptverantwortlich für
die unvorstellbaren Gräuel des
Zweiten Weltkriegs und des
Holocaust. Die Schweiz blieb dabei als eines von
wenigen Ländern Europas von kriegerischen Handlungen verschont,
lud sich aber mit ihrer
restriktiven Flüchtlingspolitik und der
Entgegennahme von Raubgold moralische Schuld auf.
- Wohlstandsgesellschaft.
- Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts schliesslich stand unter
dem Zeichen eines fast unbegrenzten Wirtschaftswachstums, das die
heutige freiheitliche Wohlstandsgesellschaft erst möglich machte.
Damit verbunden waren aber auch
Schattenseiten (Umweltprobleme, überbordender Individualismus).
oder
wie findet die Schweiz ihren Platz in Europa und in der Welt?
Wichtige Daten der jüngsten Schweizergeschichte
| 1914-1918 |
1. Weltkrieg |
| 1918 |
Generalstreik |
| 1929-1932 |
Weltwirtschaftskrise |
| 1939-1945 |
2. Weltkrieg |
| 1948 |
Einführung der Alters- und Hinterlassenenvorsorge AHV |
| 1959 |
Bundesrat erstmals nach der Zauberformel zusammengesetzt |
| 1971 |
Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene |
| 1992 |
Alleingang in Europa: Ablehnung des Beitritts zum EWR |
| 1999 |
Zweite Totalrevision der Bundesverfassung |
| 2002 |
UNO-Beitritt |